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Costa Concordia Bergung

Geschrieben von Jörg Kirschbaum am . Veröffentlicht in Projektmanagement Blog. Zugriffe: 3949

Die Bergung des weltweit größten auf Grund gelaufenen Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia" ist eines der herausragenden Projekte unserer Zeit. Niemals zuvor wurde ein Schiff dieser Größe (300m lang, 11 Stockwerke hoch, 114,000t schwer) geborgen. Erschwerend kommt hinzu, das durch die unmittelbare Nähe der italienischen Küstengewässer bei der Insel Giglio Umweltverschmutzung in einer Gegend droht, die wirtschaftlich hochgradig vom Tourismus abhängig ist.

Anhand der bereits erfolgreich durchgeführten Phasen des Projektes läßt sich beispielhaft der Einsatz klassischen Projektmanagements studieren:

Projektziele

Das Team priorisierte 3 Hauptziele:

  1. Schutz der Gewässer vor umweltschädlichen Einflüssen
  2. Sicherheit der Arbeitsumgebung für die Mitarbeiter gewährleisten
  3. Bergung so schnell wie möglich unter Beachtung der anderen beiden Ziele

Vorgehen

Die Zerlegung des Schiffes vor Ort in leicht transportable Einzelteile bot sich als das naheliegenste Vorgehen an. Allerdings wäre damit auch eine erhebliche Verschmutzung des Wassers wahrscheinlich. Unter Beachtung von Ziel 1 entschied man sich daher, das Schiff als Ganzes in einem Teil zu heben.

Planung

Das Projekt wurde in drei Hauptphasen unterteilt:

  1. Abpumpen der Treibstoffe/Abwässer und Stabilisieren
  2. Drehung und Aufrichten des Schiffes
  3. Transport des Schiffes und Entfernung aus dem Meer

Das Projektbudget wurde als flexibel betrachtet: "Cost consideration played a limited role in the decision-making process."

DER Traum eines jeden Projektmanagers: unbegrenzte finanzielle Ressourcen und klare Priorisierung der Projektziele über den Kosten ! Da wird das magische Dreieck zur Linie :-)

Nach der Ausschreibung des Projektes wurde von den 6 Bewerbern tatsächlich der teuerste ausgewählt!

Stakeholdermanagement

Die enorme öffentliche Wahrnehmung des Projektes erforderte die Enbeziehung zahlreicher Stakeholder. Jeder Schritt des Bergungsplans wurde von Regierungsstellen und den beteiligten Firmen genehmigt. Auch die lokalen Behörden und die Gemeinde von Giglio wurden am Projekt beteiligt.

Risikomanagement

Während der Planung wurden bereits die Hauptrisiken identifiziert: Auseinanderbrechen des Schiffes während der Bergung, Versagen der Ausrüstung, Fehlberechnungen in den ingenieur-technischen Plänen. Zur Risikovermeidung wurden Computersimulationen ausgeführt und entsprechende Antworten für die möglichen Szenarien entwickelt. Risiken der Umweltgefährdung wurden in Dokumenten zusammengefasst, regelmäßig aktualisiert und an die entsprechenden Stakeholder verteilt.

Ein schwer zu kontrollierendes Risiko war schlechtes Wetter, das schließlich auch zu mehreren Monaten Verschiebung beitrug.

Neben der Risikobewältigung wurden vom Projektteam auch Chancen genutzt: Die Aufrichtung des Schiffes wurde live übertragen und half dabei das angeschlagene Image der Region wieder zu bessern und weltweit die erfolgreiche Bewältigung der Probleme zu kommunizieren.

Durchführung

Das Projekt erreichte im März 2012 einen ersten Meilenstein mit der Entfernung von Treibstoffen und Abwässer. Im April wurde der Auftrag für die Stabiliserung sowie die Phasen 2 und 3 vergeben. Nur einen Monat später wurde der Projektplan für die Bergung genehmigt. Phase 1 wurde im November 2012 mit der Stabilisierung des Schiffes abgeschlossen. Nach 14 Monaten Planung und Simulation war im September 2013 auch die zweite Phase (Aufrichtung des Schiffes um 65 Grad) erfolgreich. Die eigentliche Ausführung dauerte nur 19 Stunden und wurde ferngesteuert unter Beachtung des zweiten Projektziels komplett unbemannt durchgeführt.

Die dritte, abschließende Projektphase konnte aufgrund der erwarteten Kältephase während der Wintermonate nicht direkt erfolgen, so dass zusätzliche Simulationen und Arbeitspakete notwendig wurden, um die Position des Wracks zu sichern und Umweltgefährdungen durch den Einfluss von Kälte und Eis zu verhindern. Der Abschluß des Projektes ist nun für Mitte 2014 geplant. Offen ist noch in welchem Hafen die riesige Costa Concordia anschließend zerlegt und verschrottet wird. Interessanterweise wurde dies nicht schon vorher entschieden, um die tatsächlichen Schwimmeigenschaften des Wracks nach der Aufrichtung in der Entscheidung berücksichtigen zu können. Also doch auch hier "Inspect and Adapt" - das agile Prinzip ;-).


Sicher hat man nur selten die Möglichkeit mit unbegrenzten finanziellen Mitteln die besten Lösungen für die Erreichung des Projektziels umzusetzen. Dennoch zeigt das Beispiel der Bergung der Costa Concordia, das klassisches Projektmanagement mit einer klaren Auftragsklärung, detaillierter Planung, präziser Ausrichtung des Vorgehens anhand der priorisierten Ziele sowie intensiver Stakeholder-Kommunikation erfolgreiche Projekte ermöglicht.

Projektfakten

Budget: 600 Mio. EUR (initial 220 Mio.)

Teamgröße: 500 Projektmitarbeiter, An der operativen Durchführung waren 30-200 Menschen beteiligt, je nach Phase.

Plan: 14 Monate Planung, 19 Stunden Durchführung

Weitere Details zur Durchführung des Projektes können in dem zugrunde liegenden Artikel des PMI Network, Ausgabe March 2014, Vol 28, No.3 nachgelesen werden.

Ein Interview mit dem Projektleiter der Reederei findet sich bei Spiegel Online

Das Projekt hat sogar eine eigene Webseite mit einigen Informationen auf Englisch und Italienisch: The Parbuckling Project

Hintergründe zur Finanzierung bzw. der Abwägungen der Versicherer finden sich hier im Risk and Insurance Magazine Sept.2013

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